Moto Voyager

ALSO AUSFLUG meines Lebens

Meine Geschichte erzählt darüber, wie große Rolle in unserem Leben ein Zufall spielt.

Das war im Jahre 2006. Ich war damals Eigentümer eines kleinen Produktionsbetriebs im Dorf Kanie – Stacja neben Lublin. Mein fester Wohnort war in Rybnik und die Verwaltung des Unternehmens übernahm mein Busenfreund Sławek. Im Sommer machte er seinen Urlaub in Ägypten, wo er leider an Lungenembolie starb.

Diese Tragödie zwang mich, sofort in den Produktionsbetrieb zu fahren, um alle Angelegenheiten zu ordnen. Am Ort wurde ein Firmentreffen zum Gedenken an Sławek veranstaltet. Spät am Abend kam zu mir mein Kollege, der sich vorläufig in dem Dorf aufhielt und seinen festen Wohnort in den Vereinigten Staaten hatte. Witek, weil er so hieß, stellte mir nach einigen Gläsern eine folgenschwere Frage: - „was machen wir mit dem Motorrad?“
Verwirrt fragte ich, wovon er spricht?

Ein Tag von seiner Abreise wurde aus den Vereinigten Staaten das wunderschöne Motorrad Honda Shadow 750 geliefert, das Sławek bei Witek bestellte. Das Motorrad war sein größer Traum, er konnte es sich jedoch damals nur ansehen und das Fahren wollte er erst nach seiner Rückkehr genießen. Das schaffte er leider nicht mehr.
Als ich das Motorrad mit eigenen Augen sah, beschloss ich sofort es mir zu kaufen.

Und eben hier beginnt mein Abenteuer mit dem Motorrad…

 

Nachdem ich diese Entscheidung getroffen hatte, ging ichschlafen. Erst morgen wurde es mir bewusst, dass ich doch keinen Motorradführerschein habe und noch nie auf einem einspurigen Fahrzeug saß. Ich fragte mich „wozu brauchst du ein Motorrad?“ Aber versprochen ist versprochen und ich hatte keinen Ausweg – Shadow gehörte mir. Zum Glück hatte ich viel Zeit, um mich daran zu gewöhnen, weil es bereits Spätherbst war und das Motorrad stand in der Garage meiner Mitarbeiter, wo es den Winter verbringen sollte. Ich musste mich nur noch mit Witek finanziell abrechnen, was ich auch schweren Herzens tat. Das in Kanie stehende Motorrad Shadow drang aber bereits tief in meine Gedanken ein. Am Anfang begann ich mit Motorrad-Magazinen. Zum Glück gab mir meine Tochter Unterstützung, die auch für das Thema begeistert war. Wir lasen gemeinsam die Magazine, besuchten Fachmessen und auf diese Weise vervollständigten wir das Motorradzubehör und ich war endlich bereit, meine Schönheit aus der Garage abzuholen. Ich schreibe die „Schönheit“, weil ich den ganzen Winter rund um die Motorräder, obwohl größtenteils virtuell, verbrachte und ich sehr erregt war. Ich konnte kaum erwarten, wann ich meine neue Errungenschaft abholen kann.  

Endlich kam der ersehnte Frühling. Mein ganzes gekauftes Zubehör wurde eingepackt und ich machte mich auf den Weg, mit einem sehr präzisen Plan, Richtung Osten. Der Plan war überdies sehr einfach. Bis zur Hauptstraße Chełm-Lublin gab es 3 Kilometer. Das sollte ausreichen, um fahren zu lernen. Weiter gab es ca. 300 km bis Lodz, das sollte ich schaffen. Dass ich keinen Motorradführerschein hatte, brachte mich nicht um den Schlaf. Ich bin doch nicht kleinlich. Nachdem ich eine Nacht in einer Gaststätte neben Lublin verbracht hatte - diesmal trank ich nichts, aß ich mein Frühstück, zog die Motorradkleidung an und stellte mich zum Kampf, d.h. holte mein Honda aus der Garage ab. Honda war auf den Weg vorbereitet und glänzte in den ersten Strahlen der Morgensonne. Damals kam das erste Problem – das Tor. Das war zwar ein normales Einfahrttor, aber mir schien es sehr eng zu sein. Ich dachte mir „wenn es mir nicht gelingt, durch das Tor zu fahren, lachen alle, dass der Geschäftsführer umgefallen ist“. Aber komme was wolle. Ich war los. Nachdem ich den Torpfosten leicht berührte, fuhr ich durch das Tor. Ich versuchte sogar, meinem Team zum Abschied zu winken, aber es gelang mir nicht ganz.
 
Die ersten 3 Kilometer verliefen gemäß dem Plan. Jedoch die Fahrt auf der Landesstraße war nicht so, wie ich mir geplant habe. Man fuhr und fuhr. Aber ich machte weiter. 30 Kilometer vor Lublin fühlte ich mich schon so gut, dass ich begann zu denken. Abgesehen davon, dass ich das erste Mal ein Motorrad fuhr und keinen Motorradführerschein hatte, hatte ich dazu noch kein Kennzeichen. Die vorbeifahrenden Polizeiwagen machten mir bewusst, dass ich etwas übertreibe und ich fuhr zu einer nächsten Autowerkstatt. Zufällig war das eine HD-Werkstatt. Ich muss nicht hinzufügen, dass ich dorthin als ein‚ alter“ Biker mit 30-Kilometer-Erfahrung reinging und bat die Jungen, damit sie mir das Kennzeichen anbringen. Das war zwar Samstag und die Werkstatt war geschlossen, aber zum ersten Mal sah ich hier die Solidarität der Motorräder. Die Jungen fanden Werkzeuge und binnen 5 Minuten war alles erledigt. Dann konnte ich ruhig nach Lodz fahren und meiner Tochter meine Errungenschaft präsentieren. Ich brauche nicht hinzufügen, dass meine Tochter sowohl für das Motorrad, als auch für das neue Image ihres Vaters begeistert war.

Aus Lodz fuhr ich nach Rybnik, wo ich wohne. Ich hatte noch einen wichtigen Termin in Ostrawa und ich beschloss, in das Fahrzeug nicht umzusteigen. Mein tschechischer Geschäftspartner war sehr verwundert. Aber heute wundert sich niemand mehr. Alle sind eher verwundert, wenn ich mit meinem Auto komme. Als ich also zum ersten Mal auf dem Motorrad saß, legte ich eine Strecke von kaum 700 km zurück und so ist das bis heute. Heute kann ich mir mein Leben ohne diese Leidenschaft nicht vorstellen. Ich hätte so viele wunderschöne Plätze nicht gesehen, so viele einmalige Momente nicht miterlebt und so viele großartige Menschen nicht kennengelernt. 100 000 Kilometer sind bereits hinter mir und über das alles entschied das Zufall in Kanie Stacja.

P.S. 2007 bekam ich selbstverständig den Motorradführerschein. Um die Sache klar zu machen, empfehle ich niemandem, ohne das Dokument Motorrad zu fahren. Und das Motorradfahren empfehle ich jedem.

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